Warum das Meerwasser salzig ist
(Eine Sage aus dem Ostseeraum)

Es war einmal ein herzensguter Junge, der hatte niemanden mehr als seine alte, blinde Großmutter. Als er aus der Schule war, wollte er Schiffsjunge werden und seine erste Reise antreten. Da er aber sah, wie seine neuen Kameraden mit ihrem Geld groß taten, während er gar nichts hatte, war er sehr betrübt und klagte der Großmutter seinen Kummer. Sie hörte ihm schweigend zu und besann sich ein wenig. Dann tappte sie in ihre Kammer, suchte hier und suchte da, bis ihr eine kleine, alte Mühle in die Hände kam. Die reichte sie dem Knaben und sprach mit Bedacht: »Die Mühle hier sei dein. Höre nun, woran du mit ihr bist.

Wenn du sagst: Mühle, Mühle mahle mir diese Dinge gleich allhier!, so mahlt sie dir, was du begehrst. Wenn du sprichst: "Mühle, Mühle, stehe still, weil ich nichts mehr haben will! so hält sie an. Sei aber verschwiegen zu jedermann, sonst ist es vorbei mit deinem Glück!" Der Junge bedankte sich voll Freude und nahm  Abschied. Bald fing die Großsprecherei mit dem Geld wieder an. Der Junge hatte seine Glücksmühle in einem abgelegenen Winkel verborgen.

Jetzt wollen wir doch einmal sehen, was sie vermag, dachte er und sprach leise zu ihr: "Mühle, Mühle mahle mir rote Dukaten gleich allhier!" Da begann sie lauter blanke Goldstücke zu mahlen. Eins nach dem andern fiel klingend in seine Mütze, und als sie voll und schwer war, dass er sie kaum noch halten konnte, und zwei Dukaten schon über die Planken rollten, sagte er schnell: " Mühle, Mühle stehe still, weil ich nichts mehr haben will!" Gleich hörte sie auf.

Das war ein Segen! Nun war er von allen an Bord der reichste und konnte stolz seine Goldfüchse vorweisen, wenn sie wieder mit ihrer Barschaft prahlten. Fehlte es aber an Proviant, und da sie einen schlimmen Geizkragen als Schiffshauptmann hatten, kam das alle paar Tage vor, so trat der Junge vor seine Mühle hin und sprach: "Mühle, Mühle mahle mir frische Semmeln gleich allhier!" Dann mahlte sie und mahlte, bis er sie anhalten hieß. Was er auch sonst noch begehrte, alles schenkte ihm die kleine Mühle.

Manchmal fragten ihn die Kameraden, woher er all die schönen Dinge habe. Doch er wusste sein Geheimnis zu wahren und sagte: "Der alte Geizhals soll seine Vorräte ruhig wieder mit nach Hause nehmen. Da, langt nur zu, wir haben es nicht nötig, ihn weiter zu bitten!" Ja, er teilte immer gern mit ihnen, und sie gaben sich damit zufrieden.

Irgendwie bekam der Schiffshauptmann Wind von dem kleinen Wunderwerk. Wie erschrak der Junge, als er eines Abends zu ihm in die Kajüte kommen musste und barsch angefahren wurde: "Auf der Stelle holst du deine Mühle und mahlst mir junge Hühner, oder ich lasse dich über Bord werfen!" Der Junge war verzweifelt, aber noch wollte er nicht allen verraten. Er ging, sagte sein Sprüchlein auf und kam mit einem Korb junger Hühner zurück.

Nun geriet der Schiffshauptmann außer sich vor Wut und schlug rechts und links auf ihn ein, stieß ihn am Ende noch zu Boden, bis er in seiner großen Not klein bei gab, die Mühle holte und verriet, wie man sie zum Mahlen bringen konnte. Den anderen Spruch jedoch, den man sagen musste, wenn sie aufhören sollte, gab er nicht preis, und der Schiffshauptmann in seiner grimmigen Freude vergaß, ihn danach zu fragen. Als der Junge dann einmal allein an Deck stand, stieß ihn der Hauptmann hinterrücks ins Meer. Der Mannschaft sagte er lediglich, der Junge sei verunglückt, und glaubte, die Sache sei damit abgetan.

Doch das war sie nicht, wie er bald erfahren sollte. Er setzte sich in der Kajüte zur Mahlzeit nieder, und da es an Salz fehlte, griff er zur Mühle und befahl: "Mühle, Mühle mahle mir weiße Salzkörner gleich allhier!" Sie mahlte lauter weißes Salz. Im nächsten Augenblick war der Napf gefüllt, und der Schiffshauptmann rief: "Halt, nun ist’s genug!" Sie mahlte aber weiter. "Hör auf, so steh schon still!"  Was er auch sagen mochte, sie mahlte immerzu. Starr saß der Hauptmann. Schon begann sich die Kajüte mit Salz zu füllen. Da packte er die Mühle und holte aus, um sie über Bord zu werfen. Der Schwung ging fehl, und bekam einen heftigen Schlag, dass er betäubt zu Boden fiel.

Unaufhörlich mahlte die kleine Mühle, immer mehr Salz quoll aus ihr hervor, bis das ganze Schiff voll war und zu sinken begann. Noch einmal raffte sich der Hauptmann auf und hieb mit seinem scharfen Schwert die Mühle in viele kleine Stücke. Nun wurde aus jedem Stück wieder eine Mühle, genau wie die erste, und alle mahlten sie in einem fort weiße Salzkörner. Das Schiff war verloren, es ging unter, und die kleinen Mühlen mit ihm. Seitdem mahlen sie auf dem Meeresgrund.

Wenn einer ihnen auch den rechten Spruch zuriefe, sie liegen doch viel zu tief, als dass sie ihn hören könnten. Immer weiter mahlen sie die Salzkörner, viele,  viele Jahre schon, und daher kommt es, dass das Meerwasser so salzig ist.