Die schwarze Frau in der Stubbenkammer
(eine Sage von der Insel Rügen)

In der Stubbenkammer führt ein schmaler, steiler Pfad zur Höhle der schwarzen Frau. Sie sitzt da seit vielen hundert Jahren. Früher bewachte sie einen goldenen Becher. Oben auf dem Felsen saß eine weiße Taube.

Es mag hundert Jahre her sein, als ein in Dänemark wegen Hochverrats zum Tode Verurteilter den Befehl erhielt, durch den Raub des Bechers sein Leben zu retten. Begleiter führten ihn bis auf den Felspfad. Der Verurteilte fand die Höhle offen, in der unbeweglich, in Flammen eingehüllt, die schwarze Frau saß. Sie war in Seide gekleidet, und ein schwarzer Schleier verdeckte ihr Gesicht. Neben ihr lag der Becher. Der Eindringling griff danach. Da schlug die schwarze Frau den Schleier von ihrem bleichen, schönen Gesicht zurück, sah ihn an und klagte mit leiser Stimme: "Wähle recht, fremder Mann! Wenn Du recht wählst, so bin ich auf ewig Dein." Der Missetäter aber sah nichts als den Becher und nahm ihn fort. Im Davoneilen hörte er es hinter sich seufzen: "Weh mir, nun kann mich keiner erlösen!"

In diesem Augenblick verwandelte sich die weiße Taube in einen Raben, der dort ewig Wache hält.