Der Wassermann
(Einen Sage vom Ostseestrand)

Es ist schon viele Jahre her, da war an einem schönen Sommerabend eine Anzahl Mönchguter Mädchen am Strand der Having. Sie tanzten einen Reigen und sangen dabei und waren von Herzen froh.

Auf einmal erschien unter ihnen ein Fremder. Er war wie ein vornehmer Ritter gekleidet und trug um den Hals einen goldenen Schmuck. Freundlich grüßte er die Mädchen und schaute sie alle der Reihe nach an. Der Schönsten reichte er die Hand, zog sie an sich und setzte ihr einen Kranz aus seltsamen meergrünen Pflanzen aufs Haupt. Den anderen Mädchen gebot er zu singen. Dann führte er die Auserwählte zum Tanz, der bald immer schneller und leidenschaftlicher wurde und gar kein Ende nahm. Atemlos rief das Mädchen: »So gebt mich endlich frei, Herr, lasst mich los!«

Doch der Fremde hielt das Mädchen fest umschlungen und sprach: »Nimmermehr geb ich dich frei, du bist mein, du bist des Wassermanns Weib!« Bei diesen Worten entführte er das weinende Mädchen und riss es mit sich in die aufwogende Flut. Noch lange vernahmen die erschrockenen Mädchen die angstvollen Rufe ihrer Gefährtin. Sie haben sie niemals wieder gesehen.